Hallo, Herr Redlich,
vielen Dank für Ihre Mail vom 11.1.09 . Ich habe mir über dieses Thema bereits meine Gedanken gemacht und will Ihnen das Ergebnis in Kurzform mitteilen.
Zum Verständnis meiner Ansichten hier folgende Angaben zur Person: Alter 58 Jahre, Radiosammler seit 1980 (damals noch DDR)
Wir sind in einer Zeit aufgewachsen,
in der (besonders bei uns in der ehem. DDR bedingt durch die Mangelwirtschaft) man sich selbst bemühen musste. Ich habe mit 14 Jahren mein erstes Radio gebaut – weil ich eins haben wollte. Mit der Berührung dieser Materie entwickelte sich das Verständnis für die Funktechnik weiter aber es war schwer, an Bauteile heranzukommen. Jedes Stück behandelten wir mit Ehrfurcht und schätzten daher technische Geräte seit jeher als wertvoll ein. Nicht anders als in den Zwanziger und Dreißiger Jahren auch. Sie waren teuer, schwer zu bekommen und wurden gehegt und gepflegt.
Der Respekt vor den elektronischen Geräten, mit denen wir von Kindheit an verbunden waren, bleibt bei unserer Generation immer bestehen. Diese Bindung zeigt sich beispielsweise bei mir bis heute dadurch, dass ich an einem Sperrmüllhaufen nicht vorbeifahren kann, wenn dort ein Radio o. ä. abgestellt steht. Ich muss es einpacken, obwohl ich es nicht brauche. Es tut mir einfach leid um das Teil.
Gestern (11.1.) sah ich im TV einen Beitrag über die deutsche Nachweihnachts- Wegwerf-Mentalität. Schauplatz: ein Wertstoffhof irgendwo in Deutschland. Zu sehen waren Berge von einwandfreien elektronischen Geräten – kein alter Elektronikschrott, sondern 2-3 Jahre alte hochwertige Geräte, die wegen dem ständigen Drang nach Neukauf entsorgt werden. Auch waren die meisten dieser Dinge nicht defekt, sondern man war ihrer einfach überdrüssig. Die Mitarbeiter sondern diese aus und bieten sie Interessenten für wenig Geld an. Soweit – so gut.
Das ist der Unterschied zwischen Gestern und Heute. Ein Bezug des Verbrauchers zu hochwertiger Technik gibt es nicht mehr. Er verbraucht – wie er es gelernt hat.
Nun zur GFGF
Die GFGF wird in der jetzigen Form und Größe nicht überleben. Alle älteren Mitglieder, die heute historische Technik sammeln und liebevoll restaurieren stammen eben aus der Zeit, als diese Dinge noch etwas galten und sorgsam behandelt wurden. Die technischen Kenntnisse um die Zusammenhänge sind meist durch die frühere umfangreichere Ausbildung vorhanden oder wurden im Laufe der Zeit vervollkommnet. Einfach aus dem Umstand heraus, dass das Wissen um das Wesen der Funkerei irgendwann und irgendwo mal vermittelt wurde und die Tragweite dieser technischen Erfindung durch uns erkannt und bewahrt blieb.
Die Gegenwart
Ich gehöre nicht zu denjenigen, die ständig lamentieren: „Was ist bloß mit der heutigen Jugend los – wo soll das noch hinführen!“. Die Zeiten haben sich in unserer rasenden multimedialen Welt dermaßen schnell und umfangreich geändert, dass unsere eigenen Maßstäbe und Ideale auf die jungen Menschen heute überhaupt nicht mehr anwendbar sind. Der Bezug zu den „Innereien“ von technischen Geräten aller Art ist vollständig abhanden gekommen. Das ist das Ergebnis der heutigen technischen Evolution.
Jede der unzähligen neuen Kreationen multimedialer Art gibt es hundertfach überall billig zukaufen, und das mit einer elektronischen Leistungsfähigkeit, die atemberaubend ist. Warum auch soll sich heute jemand darüber Gedanken machen, was sich innerhalb eines Plastikgehäuses befindet und dort tut? Das interessiert heute niemanden mehr. Wegen dem verlockenden Angebot eines vergleichbaren Objektes mit noch höherer Funktionsvielfalt, wird das überflüssige (Handy) durch den jungen Nutzer in den Müll geworfen – so wird verbraucht!
Nehmen Sie sich einen jugendlichen Zeitgenossen vor und stellen ihm folgende Fragen: - wie funktioniert ein Radio (ganz allgemein)? – wie und auf welchem Wege kommt die Musik in den Apparat? Oder ähnliche Fragen. Ich habe das getan und festgestellt, dass der Proband durch solche Fragestellungen zum ersten mal über diese Dinge nachgedacht hat.
Wellenbereiche? Was ist das denn?
Ich schalte hier ein und dann kommt Musik (sprich: Dudelfunk ohne Sinn). Wenn man die Taste zwei oder drei mal gedrückt hat, und es geht nicht, dann ist das Ding kaputt. Dann muss es weg. Und etwas Neues her. War sowieso längst fällig.
Das technische Hintergrundwissen zu solchen Themen gibt es in den jungen Köpfen heute nicht mehr. Es ist allgemein nicht mehr erforderlich und nur noch für einen weltweiten kleinen Kreis hoch spezialisierter Entwickler und Konstrukteure relevant.
Ich kenne keinen einzigen Jugendlichen in meinem Umfeld, der noch irgend etwas bastelt. Oder repariert. Oder umbaut. Oder sonst hardwaremäßig kreativ ist. Heute regiert die Software und das in nahezu jedem Gerät.
Die Möglichkeit einer Reparatur ziehen nur ältere Menschen in Betracht, weil die Suggestion des dynamischen Normalverbrauchers allgegenwärtig ist: „Reparatur ist teurer als Neukauf“.
Noch ein letztes Beispiel zu den verschiedenen Mentalitäten der Generationen.
Vor ein paar Jahren habe ich in einer überdachten Ladenpassage eine kleine Ausstellung alter Rundfunktechnik aufgebaut. In einem größeren Lichthof, den der Kundenstrom passieren muss, wurden 4 Schaukästen (je ca. 3x3 m) aufgestellt, durch Kaufhausprofis schön pyramidenartig dekoriert und mit etwa 70 – 80 Geräten, Kleinteilen, Röhren usw. der Zwanziger bis Fünfziger Jahre bestückt. Natürlich alles hinter großen Glassscheiben. Oberhalb des Lichthofes befand sich eine offene Galerie, von der aus man direkt von oben das Geschehen rings um die Vitrinen unbemerkt beobachten konnte. Dies habe ich in der Ausstellungswoche mehrmals getan.
Das Ergebnis (allgemeiner Durchschnitt):
50 bis: Die Einkaufspassage wird für den Vormittag als „Rentnermeile“ bezeichnet. Viele von diesen älteren Menschen (natürlich meist Herren) trennten sich von ihrer Frau und blieben stehen. Oft lange. Sie umrundeten die Vitrinen, bückten sich manchmal und betrachteten manche Objekte ausgiebig und intensiv. Ein alter Herr kam an mehreren Tagen immer wieder und umrundete die Kästen.
Etwa 25-50 Jährige: blieben meist stehen, traten an die Vitrinen heran, betrachteten die Stücke ca. 2-3 Minuten und gingen dann weiter
14 – 25 Jährige, die mit Freunden oder Freundin durch die Ladenstraße schlenderten, schauten bei den Vitrinen manchmal rechts und links, hoben auch mal den Arm und zeigten auf etwas. Der größere Teil der Jugendlichen nahm jedoch die Vitrinen nicht wahr und ging ohne im Schritt zu stocken zwischen den Vitrinen hindurch. Trotz eines Blickes rechts und links (wegen der plötzlichen Enge im sonst leeren Lichthof) nahmen sie keinerlei Notiz von den Gegenständen.
Resume:
Damit ist der allgemeine Trend der Interessen Jugendlicher offenbart worden: Es gibt keinen Bezug mehr zu früheren Dingen. Jeder Art aktiver Werbung neuer Mitglieder aus der jungen Generation wird kein Erfolg beschieden sein. Wie und mit welchen Mitteln will man jemanden dazu bekehren, sich plötzlich mit der alten Funktechnik zu beschäftigen? Das funktioniert nicht einmal in einer Sammlerfamilie bezüglich der Kinder. Sie haben vollkommen andere Interessen und sind durch Werbung nicht zu gewinnen.
Es werden immer nur ganz vereinzelte Neuzugänge sein, die zur GFGF stoßen. Und dann wohl mehr im Alter von 30 oder 40. Eine öffentliche Präsentation der GFGF zur Bekanntmachung der Ziele und des Anliegens unserer Gesellschaft halte ich jedoch für wichtig. Nur so kann man überhaupt potentielle Interessenten erreichen, die von der Existenz einer solchen Vereinigung bisher keine Kenntnis hatten.
Die GFGF hat gegenwärtig ca. 2000 Mitglieder oder etwas darunter. In den nächsten 10 Jahren wird die Mitgliederzahl vielleicht auf die Hälfte schrumpfen. Nicht allein durch „biologische Abgänge“, sondern vielfach wohl auch durch Austritte.
Die Frage steht für Viele wohl auch – was bringt mir persönlich dieser gemeinnützige Verein für meinen Mitgliedsbeitrag?
Die Zeitschrift „Funkgeschichte“ – und weiter? Auch hier haben sich die Verhältnisse grundlegend geändert – jedenfalls aus meiner Sicht. War für mich früher die Gemeinschaft Gleichgesinnter von Interesse, um im großen Kreis an Informationen, Teile und benötigte Schaltpläne etc. zu gelangen, gibt’s diese Dinge in großer Vielfalt im Internet.
Viele „Objekte der Begierde“ braucht man nicht mehr in den „gelben Seiten“ der Funkgeschichte zu suchen (hier sind oft Sammlerpreise von Sammlerkollegen angesagt), sondern man sucht heute bei Ebay, wo es nahezu alles gibt und das oft zum Schnäppchenpreis. Außer die ganz alten Dinger – wer die nicht schon vor zwanzig Jahren zusammengerafft hat, kriegt sie heute nicht mehr ohne Gefahr des eigenen Ruins.
Also was ist nun mit der GFGF und ihrer „Funkgeschichte“?
Bis vor einigen Jahren war ich auf jeder Jahreshauptversammlung präsent. Dann wurde dieser Termin standardmäßig auf das Wochenende Mitte Mai gesetzt. An diesem Wochenende habe ich Geburtstag. Und das jedes Jahr. Also keine Teilnahme mehr möglich. Ist aber nicht so schlimm, da ich den Ablauf ja kenne. Am Sonnabend findet die unvermeidliche Vereinsmeierei statt und die fachlichen Vorträge an diesem Tag reißen auch nicht alles raus. Der Run ist Sonntag mit großer Händlerinvasion, denen der Verein Schnuppe ist. Hier geht’s ums Geldverdienen. Gegen die Ziele der GFGF ist an sich nichts auszusetzen. Förderung von besonderen Aktivitäten und Öffentlichkeitsarbeit ist OK. Aber die Vielzahl der Mitglieder fragt sich sicher – was ist der Nutzen für mich?
Wenn man die früheren Ausgaben der „Funkgeschichte“ betrachtet, wird man im Vergleich zu Heute auch Unterschiede feststellen können. Ich hatte mal alle Ausgaben aus der Zeit kopiert, als die DDR noch DDR war. Danach besitze ich sowieso alle Ausgaben. An Stelle ewig langer Fortsetzungsromane über ganz spezielle Fachthemen fehlen mehr und mehr kurze allgemein interessierende Beiträge für Jedermann: Vorsicht bei der Restauration von Philips-Skalen mit wasserlöslicher Beschriftung – wie restauriert man vergossene Paddings, die brüchig geworden sind und ihre Kapazität verlieren – so oder ähnlich wären Themen, die für viele nützlich sein könnten.
Statt dessen ein Beispiel, wie mehrere in letzter Zeit zu finden waren: Rudolf Grabau zum Thema „Fernmeldeelektronische Aufklärung der Bundeswehr – zwischen 2001 und 2005 belegte dieses Thema mit allen seinen Abarten in ungezählten Fortsetzungen viele, viele Seiten der „Funkgeschichte“. Es wäre ein umfangreicher Band der GFGF geworden – aber wer hätte den gekauft? So konnte man sich nicht wehren und die Seiten waren gefüllt.
Ich bewundere Ihr vielseitiges Engagement auf Ihren Internetseiten – auch zum Thema GFGF. Ihr Frageblatt wird aber nicht viel Auswertbares bringen – warum?
Die Auswahl per Drop-Down-Felder nach dem Schema Ja/Nein/Vielleicht (bitte entschuldigen Sie diese böse Vereinfachung) wird letztendlich nicht viel aussagen, da man die Hintergründe für die wenigen möglichen Auswahlentscheidungen nicht erfährt. Mehr Textfelder zur Begründung von Auswahlen wären evtl. zur Meinungsforschung nützlicher.
Schluss
Die GFGF muss verändert werden, aber wie und in welche Richtung? Mir fällt unter den heutigen Gegebenheiten nichts ein. Kann sie sich überhaupt in der alles dominierenden WWW-Welt behaupten. Dort sind die Informationsangebote vielfältig (siehe Ihre Seite und viele andere auch, nicht zu vergessen den Herrn Erb mit seinen Restriktionen).
"Der Verein der Radiosammler"
Die zwangsläufig zu erwartende Reduzierung des Mitgliederbestandes betrachte ich nicht unbedingt als Nachteil, nur ganz sterben sollte der Verein der Radiosammler dann doch nicht. Neue Vollblutliebhaber unserer Zunft werden immer seltener anzutreffen sein. Es wird sich hin und wieder mal ein Zugang melden, aber es wird (aus den oben genannten Gründen) immer weiter abnehmen.
Übrigens – bei den Funkamateuren sieht die Nachwuchsrekrutierung genauso düster aus. Wer will heute einem jungen Menschen noch schmackhaft machen, mit teurem Equipment aufwändiger Antennenkonstruktion und nach Prüfungsstress dann mittels did-did-da-did mit einem fernen Partner Wetter- und Stationsdaten auszutauschen? Die Faszination vergangener Jahre, mit geringen Mitteln und mit einer selbst gebauten Funkkiste mit fernen Ländern in Kontakt zu treten, ist endgültig vorbei. Ein junger Mensch, der das nie versucht hat und nie versuchen wird, hat dafür kein Verständnis. Er chattet mit jedem Punkt der Erde. Schnell-einfach-billig-Internetbequem. Er weiß nichts mehr davon, dass diese Fernkommunikation früher sehr mühevoll und schon deshalb faszinierend – eben einzigartig schön war.
Falls Sie tatsächlich bis hierher gelesen haben, wünsche ich Ihnen eine schöne Woche und weiterhin viel Erfolg bei Ihrem Engagement.
Mit freundlichem Gruß
Nachtrag und Anmerkung:
Das ist ein Originaltext ohne jede Veränderung oder Korrektur
im Januar 2009



